Wie aus zwei Schnittmustern eine Latzhose wurde

Seit einiger Zeit sieht man wieder einen fast in Vergessenheit geratenen Klassiker in den Kleidergeschäften und Onlineshops. Lange Zeit war sie nur noch für Kinder wirklich tragbar: Die Latzhose.

Eine gut sitzende Hose ist so etwas wie die Königsdisziplin des Schneiderns. Bei kaum einem anderen Kleidungsstück machen sich Passformfehler so deutlich bemerkbar. Sei es durch einen unvorteilhaften Sitz oder eine unbequeme Passform, die häufig sogar bewegungseinschränkend wirkt. Hosen sind ein Thema, welches mich schon mein ganzes Leben lang beschäftigt. Aber seien wir mal ehrlich, wie sollen Kleidungsstücke, die aus Durchschnittswerten der Gesellschaft berechnet wurden denn wirklich einer individuellen Person passen? Besonders dann, wenn man nicht unebedingt nur Hosen aus Super-Stretch-Jeans-Stoffen tragen möchte. Diese Stoffe sehen vielleicht aus, wie Denim, haben aber bei weitem nicht die Langlebigkeit einer echten Jeanshose.

Als ich in den letzten Monaten beim Stöbern durch Onlineshops oder auch beim Schaufensterbummel immer wieder auf Latzhosen für Damen stieß, entstand in mir der Wunsch mir meine eigene, komplett auf mich zugeschnittene Jeans-Latzhose aus einem richtig tollen Denim zu nähen. Ich stürzte mich zunächst in die Recherche, um alles über die Geschichte klassischer Jeans- und Latzhosen herauszufinden. Die ersten Jeanshosen schreibt sich der Hersteller Levi Strauss auf die Fahne. Ursprünglich wurden die Hosen aus einem festen Baumwolltwill für Bergminenarbeiter im Westen der USA entwickelt. Schon in den 1870er Jahren fertigte die Firma Levis Denim-Overalls, aus denen später erst die klassische Jeanshose mit Gürtelschlaufen entstand. Die Latzhose ist so gesehen die Urform aller Jeanshosen.

Nach meinen Vertiefungen in die Geschichte der Jeans machte ich auf die Suche nach geeigneten Schnittmustern, die ich für meine Latzhose gebrauchen könnte. Fündig wurde ich zunächst bei Tilly and the Buttons mit dem Schnitt Mila Dungarees. Mila ist eine schlichte Latzhose ohne viel „Schnickschnack“. Das war für mich eine gute Ausgangsbasis, um meine Latzhose zu planen. Allerdings gefällt mir bei Mila überwiegend der Latzteil. Die Hose ist mir ein wenig zu einfach gehalten. Da sie keine Passe oder Abnäher besitzt, sah ich für mich wenig Möglichkeiten, die Hose gut für mich anzupassen.

Wenn es um Jeanshosenschnitte geht, ist Closet Core Patterns eine echte Empfehlung. Das kanadische Label bietet gleich zwei Jeansmodelle an: Ginger Jeans für Denimstoffe mit Stretchanteil und Morgan Jeans für klassische Denimstoffe. Zusätzlich gibt es den sehr umfangreichen Onlinekurs „Sew your dream jeans“ zum Thema Jeansnähen. Heather Lou erklärt dort Schritt für Schritt alles, was man zum Nähen einer richtigen Jeans wissen muss.

Da ich für meine Latzhose einen Jeansstoff von Cone Mills Denim, den ich mir extra aus den USA bestellt habe, verwenden wollte, war für mich die Morgan Jeans die richtige Wahl für die Basis meiner Hosenteilkontruktion. Zunächst habe ich am Schnitt einige Passformkorrekturen vorgenommen und ein Nesselmodell der Hose zur Anprobe erstellt.

Jeans-Grundschnitt „Morgan Jeans“ mit Passformmodifizierungen

Nachdem ich mit der Passform des Testmodells zufrieden war, sollte die Hose jedoch eine weitere Modifikation erhalten: Für meinen Jeansstoff mit Selvedge Webkanten sollte meine Hose eine gerade Außenbeinnaht bekommen. Das Besondere bei einem Selvedge Denim ist, dass die Webkanten nicht mehr versäubert werden müssen und als exklusives Verarbeitungsdetail verwendet werden können.

Schnittabwandlung zur „Selvedge Jeans“

Um bei der Geradestellung der Seitennähte die Passform möglichst beizubehalten darf nicht einfach die Außenkante der Hosenbeine mit dem Lineal gerade gezogen werden, sondern man führt vielmehr eine Art Parallelverschiebung durch, um die Beinweite soweit es geht unverändert zu lassen. Hierbei hat mir eine Anleitung aus dem Buch „Grundschnitte und Modellentwicklungen“ von Guido Hofenbitzer sehr weitergeholfen. Das Buch ist zwar nicht gerade günstig, aber wirklich sehr aufschlussreich, wenn man sich mit dem Thema Schnittentwicklung auseinandersetzen möchte.

Zuschnitt des „Selvedge Denim“

Die gerade gestellten Hosenbeine lassen sich genau an der Webkante des Selvedge Denim anlegen. Beim Zuschnitt von Denimstoffen gibt es einiges zu beachten:

  • Der Stoff sollte auf jeden Fall vorgewaschen werden, da er bis zu 10% einlaufen kann. Eine Ausnahme gilt hier höchstens, wenn man eine Raw-Jeans nähen möchte. Dafür sollte man allerdings die Restkrumpfwerte des Stoffes bereits im Schnittmuster miteinkalkulieren.
  • Alle Schnitteile müssen genau im Fadenlauf platziert werden. Durch die schräge Webstruktur der Twillbindung können sich die Hosenbeine sonst schräg verziehen. Das führt zu sehr unschön verdrehten Seitennähten.
  • Der Zuschnitt sollte einlagig erfolgen. Das hat zwei Vorteile: Durch die dicke des Materials ist das Schneiden mit der Schere deutlich einfacher und man verhindert, dass sich die untere Stofflage beim Zuschneiden verschiebt und so der Fadenlauf ungenau wird.
  • Anstatt direkt am Schnittmuster entlangzuschneiden, finde ich es sehr hilfreich bei einem festen Denimstoff die Schnitteile erst mit Stoffkreide zu übertragen und dann alles ausschneiden, ohne dass das Papierschnittmuster verrutschen könnte.
Modifikation des Formbundes für die seitlichen Knopfleisten an der Latzhose

Um die neu konstruierte Hose mit dem Latzteil zu verbinden, habe ich den Formbund der „Morgan Jeans“ so abgewandelt, dass der vorne Übertritt, der eigentlich für den Reißverschluss gedacht ist, wegfällt und stattdessen an den Seitennähten einen Untertritt für den Knopfverschluss angefügt. Aus dem so neu gezeichneten Schnittteil konnte ich mir so den vorderen (blau) und hinteren (rot) Taillenbund übertragen.

Konstruktion der Eingrifftaschen mit seitlichen Knopfleisten

An der Vorderhose wollte ich die Eingrifftaschen der Morgan Jeans statt der bei Mila vorgeschlagenen aufgesetzten Taschen verwenden. Hierfür musste ich den Tascheneingriff im Vergleich zur ursprünglichen Form (blau) bei der Morgan Jeans Richtung Seitennaht und nach unten verlegen (rot). Durch diese Abwandlung konnte ich die Knopfleiste genau auf dem Taschenbeleg platzieren.

Für das Taschenfutter habe ich einen karierten Webstoff verwendet. Da der Stoff garngefärbt und nicht bedruckt ist, sieht der Taschenbeutel von im Hoseninneren und im Tascheninneren perfekt aus. Das ist zwar ein Detail, was außer mir selber, kaum jemand zu sehen bekommt, aber gerade die inneren Werte machen für mich ein selbstgenähtes Kleidungsstück zu einem Unikat.

Konstruktion der Fronttasche mit aufgesetzter Münztasche

Für den Latz habe ich mir ein kleines Zusatzdetail überlegt. Auf der Fronttasche habe ich eine weitere kleine Münztasche mit Taschenklappe und Knopfverschluss platziert. Außerdem habe ich mir eine besondere Kantenverarbeitung für die Fronttasche und die aufgesetzten Taschen auf der Hinterhose überlegt: Anstatt einen Umschlagsaum zu nähen, habe ich die Taschen mit einem Belegstreifen versäubert, bei dem die Längstkante an die Webkante des Stoffes angelegt wird. So wird der Selvedge-Effekt an den Taschen noch einmal optisch aufgegriffen.

Das Latzteil besitzt in der Mitte eine Zierteilungsnaht, welches ich ebenfalls an der Webkante des Stoffes platziert habe. Für den Beleg habe ich ebenfalls den karierten Webstoff verwendet, damit das Latzteil im gesamten nicht zu steiff wird. Für alle Ziernähte habe ich ein Kupferfarbenes Kontrastgarn verwendet. Für den Unterfaden nutze ich bei dickeren Oberfäden ein Allesnähergarn in der Farbe des Stoffes. So hat man einerseits sehr auffällige Nähte auf der Außenseite des Stoffes, aber auch eine sehr feine und saubere Innenverarbeitung.

Mit der fertigen Latzhose bin ich sehr zufrieden und sie wird definitiv in die Auswahl meiner Lieblingsteile mit aufgenommen. Gerade für die kühlere Jahreszeit lässt sich so eine Hose sehr schön mit Cardigans und vielleicht Stiefelletten kombinieren.

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